Brasilien ist das Land unter den großen Volkswirtschaften, das am schnellsten schrumpft. Denken Sie eine Minute darüber nach. Es ist nicht China, das im Bann einer wirtschaftlichen Rezession steckt. Es ist auch keine der europäischen Nationen, die versuchen aus dem Loch zu klettern, das durch die Finanzkrise vor fast zehn Jahren entstanden ist.


Endemische Korruption im Kongress

Die politische Situation in Brasilien ist im Moment extrem volatil. Ein ernstzunehmender Versuch, die derzeitige Präsidentin Dilma Rousseff aus dem Amt zu entheben, wurde Anfang dieser Woche vom Unterhaus des Kongresses genehmigt. Die Alternative zu Frau Rousseff ist auch nicht wirklich vielversprechend. Ihr Vorgänger (und viele sagen ihr möglicher Nachfolger) Lula da Silva, ist selbst mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert – genau wie der Stellvertreter von Frau Rousseff, Michael Temer, Anführer der Konkurrenzpartei. Brasiliens Legislative ist versunken in Korruption. Erschütternder Weise ist mehr als die Hälfte des brasilianischen Kongresses auf irgendeine Art und Weise bezüglich Korruption angeklagt. Dies hebt die Bedeutung des Wortes „endemisch“ auf ein ganz neues Level.


Ein Großteil des Skandals dreht sich um die kriminellen Unterschlagungen von hohen Summen des staatlichen Ölunternehmens Petrobras. Abgezogenes Geld aus dem operativen Budget lässt die Firma nur noch als Schatten seines früheren Selbst auftreten. Ebenfalls führte es zur Entlassung von zehntausenden Menschen.


Brasilianische Banken - Überraschende Belastbarkeit?

Eines der erstaunlichsten Merkmale der brasilianischen Wirtschaft ist jedoch die Belastbarkeit der brasilianischen Banken. Itau und Banco Santander gehörten bisher im Jahre 2016 zu den stärksten Aktien. Es gibt jedoch Sorgen, dass es sich bei dieser äußeren Stärke um eine Blase handeln könnte. Moody´s gab Anfang des Monats eine Mitteilung dazu heraus. Hier wurde die Möglichkeit diskutiert, ob die neu strukturierten Kredite solcher Banken vielleicht ein „ansteigendes Vermögensrisiko verbergen“. Viele der großen Banken befinden sich in Staatsbesitz. Für eine Regierung, die von einem Budgetdefizit von mehr als 10 % niedergedrückt wird, wird es jedoch sehr schwierig sein, eine Re-Kapitalisierung der Banken zu ermöglichen.


Der brasilianische Aktienmarkt

Der brasilianische Aktienmarkt (der Sao Paulo SE Bovespa Index) ist seit Jahresbeginn um 23 % gestiegen. Ein kürzlich erschienener Forbes Artikel warnt jedoch davor, dass sich Investoren nicht von der „Anit-Dilma Euphorie blenden lassen sollten, bei der behauptet wird, dass die Aktien steigen, weil Dilma untergeht“. Eine Reihe von bekannten langfristigen Investoren in Brasilien haben kürzlich ihre Koffer gepackt. Unter ihnen ist auch Bill Gross, Chef des 1,3 Milliarden $ Janus Global Unconstrained Bond Fund.


Coup oder rechtmäßige Amtsenthebungsklage?

Ein weiteres sonderbares Ereignis ist, dass Frau Rousseff bekannt gegeben hat, dass sie Gegenstand eines Coups sei und dass sie sich an die Vereinten Nationen in New York wenden werde, um dort für Unterstützung für ihre Präsidentschaft zu bitten. Dies ist ein bisher noch nie gehörter Schritt eines demokratischen Oberhauptes. Ironischerweise wird dann der Vize-Präsident Herr Temer, den Mann den Frau Rousseff für die derzeitige Situation am meisten verantwortlich macht, zum amtierenden Präsidenten. Trotz alledem hat der brasilianische Gerichtshof deutlich gemacht, dass der Amtsenthebungsprozess bis zum jetzigen Zeitpunkt absolut verfassungsrechtlich korrekt abläuft. In jedem Fall bedeutet die außerordentliche Situation in Brasilien, dass jeder potentielle Investor, der in der mit Abstand größten Volkswirtschaft Südamerikas investieren möchte, mit größter Vorsicht agieren sollte.